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Fake for Real

Eine Geschichte der Fälschungen

(OKTOBER 2020 - OKTOBER 2021)

Im Einerlei des täglichen Lebens sind das Sensationelle, Spektakuläre und Übernatürliche die süße Verführung. Sie erlauben uns, dem Gewöhnlichen zu entfliehen. Aber das Spiel der Täuschung macht nur dann Spaß, wenn wir uns darauf eingelassen haben. Wenn wir absichtlich getäuscht werden, stehen wir in vielerlei Hinsicht auf der Verliererseite und verlieren unser Geld, unsere Glaubwürdigkeit, unsere Integrität oder sogar unsere Existenz.

Wenn die gegenwärtige Menge an (Des-)Informationen auch beispiellos ist, ist das Problem doch ein uraltes. Die Geschichte ist voll von unzähligen Beispielen von Fälschungen, die sich als echt ausgaben. Das Trojanische Pferd, ein mythologischer Archetyp der Täuschung, verbindet symbolisch die antike Geschichte mit sehr aktuellen Problemen der vom Internet dominierten Welt.

Aus den Lehren der Vergangenheit lässt sich ein Fahrplan zusammenstellen: ein Fahrplan, der uns in das Reich des Phantastischen und Erfundenen eintauchen lässt, wenn wir es wollen, und der gleichzeitig eine Ausstiegsstrategie für den Fall bietet, dass wir bereit sind, in die Realität zurückzukehren.

HERRSCHEN UND BETEN

Was macht Macht legitim? Seit jeher haben sich die politische und die religiöse Sphäre gegenseitig in ihrem Anspruch auf Macht und Legitimität bestärkt. Römische Kaiser wurden zu Göttern; Päpste übten weltliche Macht aus; die Anwesenheit von Reliquien erhöhte das Ansehen heiliger Stätten. Die makellose Bilanz eines Kaisers, die hieb- und stichfesten Papiere des Papstes, die physische Anwesenheit eines mächtigen Heiligen – es kann zu schön klingen, um wahr zu sein. Glücklicherweise brauchen wir die irrigen Zeugnisse der Vergangenheit nicht wieder hervorzuholen. Die Fakten sind von den Tapferen und Neugierigen aufgedeckt worden.

DIE WELT VERSTEHEN

Die Erfindung der Druckerpresse läutete eine neue Ära ein, in der Informationen in einem noch nie dagewesenen Ausmaß verfügbar wurden. Aber eine ständig wachsende Menge an Informationen garantiert keine Richtigkeit. Diejenigen, die auf der Suche nach Ruhm und Reichtum waren, verbreiteten gerne falsche Informationen an ein Publikum, das sich nach der neuesten Entdeckung sehnte. Selbst in der Geschichte der wissenschaftlichen Forschung gibt es vorsätzliche Fälschungen. Die Möglichkeit, sich als falsch zu erweisen, ist kein Fehler der wissenschaftlichen Methode, sondern eine wesentliche Eigenschaft, die sie von anderen Systemen der Weltsinngebung unterscheidet.

EINEN UND ENTZWEIEN

Fälschungen und Nachahmungen waren im 18. und 19. Jahrhundert mächtige Instrumente im Prozess der Schaffung ethnischer und nationaler Identitäten. In ganz Europa stärkten „patriotische“ Fälschungen, vermischt mit echten historischen Entdeckungen, die nationalen Bewegungen. Die Schaffung moderner Nationen erforderte gemeinsame Geschichte, aber auch gemeinsame Feinde. Gefälschte Dokumente, Verschwörungstheorien und Justizirrtümer wurden benutzt, um die Sündenböcke der Gesellschaft zu schaffen und zu verurteilen, mit verheerenden und lang anhaltenden Folgen.

IM KRIEG

Die „Wahrheit“ wurde, in einem Satz, dessen Herkunft noch nicht geklärt ist, als „das erste Opfer des Krieges“ bezeichnet. Der Krieg ist sicherlich eine Zeit, in der die an ihm Beteiligten zu Unwahrheit und Täuschung greifen. Während des Zweiten Weltkriegs wurde ganz Europa zu einem Schlachtfeld, und die Entscheidung, wem man vertrauen konnte, hatte grundlegende Konsequenzen. Die Aufklärung der Verbrechen, die von den totalitären Regimen vertuscht und beschönigt wurden, wurde zu einer Aufgabe für die folgenden Jahrzehnte.

FÄLSCHUNG UND REICHTUM

Im Laufe der Geschichte war der Profit einer der Hauptgründe für die Herstellung von Fälschungen. Kunstwerke, Luxusprodukte, alltägliche Konsumgüter und Währungen werden gefälscht, um finanziellen Gewinn zu erzielen. Das zu fälschen, was die Menschen am meisten begehren, sei es ein Gemälde eines niederländischen Altmeisters oder eine Louis-Vuitton-Tasche, ist zu einem Schlüsselelement der globalisierten Konsumgesellschaft geworden, in der wir leben. Aber die Fälschung wurde auch dazu benutzt, unseren unersättlichen Appetit nach „mehr, billiger und neuer“ zu entlarven, wie in dem Experiment und Dokumentarfilm „Tschechischer Traum“.

DIE ÄRA DES POSTFAKTISCHEN?

Der Begriff „postfaktische Gesellschaft“ beschreibt eine Kultur, in der die öffentliche Meinung nicht von Tatsachen, sondern von Emotionen und persönlichen Auffassungen geprägt wird. „Fake News“ werden häufig als das prägnanteste Merkmal dieser Kultur angesehen.

Fake News sind zwar nicht auf eine bestimmte Ära beschränkt. Diesmal ist es jedoch anders, weil die modernen Kommunikationsmittel und insbesondere das Internet die rasche Aus- und Verbreitung von Fake News weltweit ermöglichen. Wir sind mit so vielen Informationen aus unzähligen Quellen konfrontiert, dass wir häufig kaum feststellen können, was wirklich stimmt und ob wir uns auf eine Quelle verlassen können.

Glücklicherweise gibt es Möglichkeiten, mit diesen Herausforderungen umzugehen: Ein kritischer Geist, der den ersten Eindruck hinterfragt, das Bewusstsein für die eigenen Vorlieben und die Feststellung, wie ernst wir die Quelle nehmen können, können uns dabei helfen, Tatsachen von Unwahrheiten zu unterscheiden und unseren Weg im Dschungel der Realität zu finden.